Die Verfasser des Protest-Schreibens vom 16.3.2006 haben Werner Pirker zitiert, der den iranischen Präsidenten damit in Schutz nahm, dieser habe möglicherweise „wenig Ahnung von europäischer Geschichte“. Wie ist es denn nun weiter gegangen?
Die „junge Welt“ entwickelte sich tatsächlich zu einem Sprachrohr für die iranische Regierung. Nehmen wir nur ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Direkt von der iranischen Regierungsplattform www.presstv.ir übernommen veröffentlichte die „junge Welt“ am 22.4.2009 ohne Kritik oder Analyse die Rede des iranischen Präsidenten auf der „Antirassismuskonferenz“ in Genf. Am 11.7.2009 erhielt der iranische Botschafter in Berlin, Attar, in einem langen Interview u. a. Gelegenheit zu erklären „Das Ergebnis der Wahlen im Iran ist korrekt.“
Und wie ist die Position der „jungen Welt“ zum Antisemitismus des iranischen Präsidenten und der iranischen Machthaber überhaupt?
Es ist kaum zu fassen, aber „die junge Welt“, d. h. ihre bis vor kurzem aus-schlaggebenden Macher und Schreiber, haben nicht aufgehört, die antisemitische Hetze des iranischen Präsidenten und der reaktionären iranischen Regierungsmedien als angeblich nicht existent hinzustellen und damit in Schutz zu nehmen. Am 25.04.2009 behauptete Werker Pirker in der „jungen Welt“: „In Wahrheit hatte Ahmadinedschad den Holocaust nicht als Mythos bezeichnet und schon gar nicht als Erfindung.“ Angeblich handelt es sich um eine „Falschmeldung über den Iran“, legte kürzlich der bisherige Chefredakteur Arnold Schölzel in der „jungen Welt“ vom 19.06.09 nach. Doch selbstverständlich können Schölzel, Pirker und Co. nicht die seit 1945 einmalige Tatsache aus der Welt schaffen, dass sich mit dem iranischen Staatspräsidenten Ahmadinedschad ein Staatsoberhaupt selbst zum Sprachrohr offener Nazi-Propaganda macht.
Kannst Du hier vielleicht nochmals die wichtigsten Fakten zusammen-fassen, welche in der „jungen Welt“ unter der Chefredaktion von Schölzel geflissentlich verschwiegen, geleugnet oder rechtfertigend zu Recht interpretiert wurden?
In einer Rede in der Stadt Zahedan im Südosten Irans, die der iranische Nachrichtensender Khabar direkt übertrug, sprach der iranische Ministerpräsident am 14.12.2005 vom „Märchen vom Massaker an den Juden“.(1) Die englisch-sprachige „Teheran Times“ hatte in ihrer Internet-Ausgabe am Wochenende vom 24./25.12.05 berüchtigte Holocaust-Leugner und erklärte Nazis als Unterstützer der Nazi-These des iranischen Präsidenten zitiert. Unter dem Titel „Historiker und Forscher unterstützen die Sichtweise des iranischen Präsidenten zum Holocaust“ kommen unter anderem der deutsche Nazi Horst Mahler und der französische Nazi Robert Faurisson zu Wort. Die Betreffenden hatten E-mails an die iranische Zeitung geschickt, die auf der Homepage dieser Zeitung veröffentlicht wurden. „Ahmadinejad hat uns sehr geholfen“, schrieb etwa Horst Mahler, der Holocaust hat nie stattgefunden. Er ist die größte Lüge der Geschichte.“(2) Der mehrfach in Frankreich wegen nazifaschistischer Hetze verurteilte Faurrison erklärte: „Ich unterstütze völlig die Sichtweise von Herrn Ahmadinejad, wonach der angebliche Holocaust an den Juden eine Legende oder ein Mythos ist.“(3)
Im iranischen Rundfunksender Radio Teheran kommen immer wieder Holocaust-Leugner zu Wort. Interview-Partner waren bisher u. a. der deutsche Nazi R. Bohringer, Robert Faurrison (Frankreich), David Irving (Großbritannien) und Ernst Zündel (Kanada/Deutschland).(4)
Anfang 2006 wurde bekannt gegeben, dass im Iran eine Konferenz geplant sei, um angeblich „das wirkliche Ausmaß des Holocausts“ zu erforschen.(5) Der iranische Außenamtssprecher Hamid Reza Asefi persönlich propagierte inter-national die Durchführung einer solchen Konferenz.(6) In Wirklichkeit geht es darum, die Nazi-These vom „Märchen vom Massaker an den Juden“ zu propagieren. Das zeigt schon die Liste der „Zeugen“ und Redner. Eingeladen waren u. a. der deutsche Nazi Horst Mahler, der französische Nazi Robert Faurisson sowie auch der zu dieser Zeit in Österreich wegen Nazi-Hetze inhaftierte Propagandist David Irving.(7)
Im Mai 2006 gab dann der iranische Präsident Ahmadinedschad dem „Spiegel“ ein längeres Interview („Der Spiegel“ 22/06). Er ließ auch hier keinen Zweifel, dass er auf der Seite der nazistischen und pronazistischen Holocaust-Leugner steht und dass er ein notorischer Antisemit ist. Ahmadinedschad bewegt sich ganz auf der Linie eines großen Teils der nazistischen Holocaust-Leugner, wenn er es so hinstellt, als sei es eben eine Frage der „Forschung“, ob der Holocaust stattgefunden habe oder nicht. Solange die „Forschung“ diese Frage eben nicht „geklärt“ hätte, so Ahmadinedschad, könne man nicht davon reden, dass der Holocaust „wahr“ ist: „Wir wollen den Holocaust weder bestätigen noch leugnen ... aber wir wollen wissen, ob dieses Verbrechen wirklich geschehen ist oder nicht.“ (S. 23) „Und wenn es den Holocaust gegeben hat, dann erlauben sie doch, dass unparteiische Gruppen aus aller Welt forschen.“ (S. 24) „Spiegel: Bleiben Sie dabei, dass der Holocaust nur ein ‚Mythos‘ ist? Ahmadinedschad: Ich akzeptiere nur dann etwas als Wahrheit, wenn ich wirklich überzeugt bin.“ (S. 24) Mit „unparteiischen Gruppen“ meint der iranische Präsident in Wirklichkeit die nazistischen „Holocaust-Forscher“ wie Mahler und Faurisson, für die ja gerade im Iran 2006 eine Konferenz organisiert wurde. Ahmadinedschad bedient sich dann des antisemitischen Nazi-Klischees, dass das deutsche Volk „Geißel der Zionisten“ sei. Er benutzt dieses Klischee um nahe zu legen, dass angeblich „die Zionisten“ die „Holocaust-Lüge“ erfunden hätten und benutzen würden, um „das deutsche Volk zu erpressen“. Er transportiert damit auch die uralte antisemitische Lüge, dass die „Zionisten“ angeblich andere Völker „bedrohen“ und „beherrschen“ würden: „Wie lange glauben Sie, muss das deutsche Volk die Geisel der Zionisten sein? Wann ist das zu Ende – in 20, 50 in 1.000 Jahren?“ (S. 25)
Was ist Dein Fazit, Deine Einschätzung?
Was die „junge Welt“ unter der Chefredaktion von Schölzel und mit Demagogen wie Pirker und Rupp an reaktionärem Dreck zum Iran verbreitet hat, ist kein entschuldbarer Lapsus, sondern zeigt, dass diese Leute wirklich politisch als Agenturen reaktionärer Interessen agieren. Die reaktionäre Bösartigkeit dieser Leute ist absolut nicht zu unter-schätzen. Die Inschutznahme von Ahmadinedschad zeigt, dass sie zu allem fähig sind. Dies war und ist ein entscheidender Punkt für die Entscheidung, Leute mit solchen reaktionären Positionen und Bindungen nicht mehr in einem Zeitungsprojekt mit linkem Anspruch zu dulden.
(1) Zitiert nach stern.de, 12.06, vgl. auch netzeitung, 14.12.2005. (2) Zitiert nach www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, 6.2.06.(3) Zitiert nach www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, 6.2.06, vgl. auch: Die Presse (Österreich), 27.12.2005.(4) Siehe: A. Maegerle/Heribert Schiedel: Krude Allianz – Das arabisch-islamische Bündnis mit deutschen und österreichischen Rechtsextremisten, Homepage des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, http://www.doew.at/thema/rechts/allianz.html (5) Mohammed Ali Ramin, der Vorsitzende der „Gesellschaft für die Verteidigung der Rechte der muslimischen Minderheiten im Westen“, forderte die Schaffung eines „internationalen Komitees“, das „das wirkliche Ausmaß des Holocausts klärt“ (Ramin, zitiert nach www.netzeitung.de) (6) Hamid Reza Asefi hat zehn Jahre in Deutschland studiert und dort auch politische Verbindungen geknüpft, www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, 6.2.06. (7) Vgl. Spiegel-online, 17.1.06.


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